Wissenschaftstheorie


Grundsätzlich funktioniert es auch in der Philosophie mit der Wissenschaftstheorie bzw Wissenschaft folgendermaßen: Du postulierst eine Hypothese, z.B. „Alium-Echsen-Blutvampir-Pädophile kontrollieren die Welt und wenn du versuchst darüber zu sprechen, aktivieren sie ihr Gedankenkontrollfeld und du fühlst dich schlecht und schlechte Dinge passieren“

Und wenn du oder ich jetzt über Alium-Echsenblutvampirpädophile reden und wir beide uns dann schlecht fühlen und schlechte Dinge passieren, also genau wie deine Hypothese, dein Modell vorhersagt, ist damit aber die Alium-Echsen… nennen wir es kurz die Echsen-Theorie, nicht bewiesen. Stattdessen ist sie schlichtweg nicht falsifiziert, also nicht falschbewiesen.

In der Wissenschaft können wir nämlich keine Aussage, kein Modell, keine Hypothese letztendlich beweisen. Wenn wir es nicht hinkriegen, diese Hypothese falschzubeweisen, benutzen wir die Hypothese als „die beste“ für die beobachteten Phänomene, zumindest so lange bis wir eine bessere Hypothese finden.

Beobachtet man irgendwas merkwürdiges, findet man oft schnell eine Ad-Hoc-Theorie, welche das beobachtete erklärt. Aber diese Ad-Hoc-Theorie hält dann weiterer Überprüfung nicht stand. Diese Ad-Hoc-Theorie kann humoristischer Unfug sein, oder einfach nur aus dem Arsch gezogene Spekulation, solange sie aber wissenschaftlich überprüfbar – falsifizierbar ist, ist es eine legitime Hypothese.

Wenn du jetzt also über diverse Verschwörungsdinge auf dem Internet diskutierst, und plötzlich, sagen wir, die Grippe kriegst nachdem du über Echsen geredet hast, kannst du die Ad-Hoc Theorie postulieren, dass die Echsentheorie wahr wäre und sie ihren Grippelaser (der auf dem Mond positioniert ist) auf dich gerichtet haben, weil du über Echsen geredet hast. Das wäre eine typische Ad-Hoc Hypothese.

Aber damit etwas eine korrekte wissenschaftliche Aussage ist, muss es falsifizierbar sein – gilt auch in der Philosophie. Und falsifizierbar heisst, du musst in der Lage sein, ein Experiment durchzuführen, was die Hypothese widerlegen könnte. Mit der Grippelaser-Mondtheorie könnte man nun im Universitären Umfeld typischerweise folgendes Experiment machen: Man nimmt 100 freiwillige Erstis und lässt die einzeln jeweils über einen Satz von „Spinnerthemen“ sprechen, ob das jetzt Echsen oder Flache Erde oder Chemtrails oder wasimmer. 1 Woche später überprüft man dann, anhand irgendwelcher Kriterien, wie viele (die für welche Themen argumentierten) nun die Grippe gekriecht haben. Laut der Grippe-Mondlaser-Echsen-Hypothese müssten jetzt alle Echsenargumentierer todkrank sein, und die Leute, die andere Spinnertheorien propagierten, vergleichsweise gesund. Oder vielleicht gibt es auch einfach nur einen statistisch signifikanten Unterschied (50% der Echsenargumentierer haben die Grippe, 25% der anderen Verschwörungstheorien) oder man findet halt raus, dass sich die Echsenargumentierer nicht signifikant in ihren Gripperaten unterscheiden. Oder man findet, dass nicht die Echsengruppe viel zu oft Grippe kriegen, sondern die Chemtrails-Leute. Und so weiter.

Und keines dieser Resultate würde erstmal die Mondgrippelaserechsentheorie „beweisen“. Da muss man mehr und grössere Experimente durchführen, bevor man das wirklich so sagen kann, weil Uni-Erstis sind nunmal ein spezielles Völkchen und vielleicht hatte die Chemtrailsgruppe halt gerade den lokalen Patient Zero für die aktuelle Echsengrippe usw. Aber schlussendlich ist die Aussage „Wenn man über Echsen spricht, kriegt man die Grippe“ prinzpiell wissenschaftlich, da falsifizierbar und wissenschaftlich überprüfbar.

Nicht wissenschaftlich ist allerdings eine Aussage, die nicht zu falsifizieren ist. Das findet man relativ häufig, sowohl in den „seriösen Wissenschaften“ wie auch im Eso-Bereich. Ein Beispiel im seriösen Wissenschaftsbereich ist in der Kosmologie die „Dunkle Materie“ – Dunkle Materie entstand als Ad-Hoc Theorie bezüglich der Rotationsgeschwindigkeit von Galaxien. Die drehen sich viel zu gleichmässig für die beobachtbare Materie. Also ist entweder die Theorie, die die Galaxienrotation beschreibt falsch (das wäre die wissenschaftliche Interpretation) oder die Beobachtung ist falsch und wir sehen einfach nur einen Zehntel der Masse und der rest ist irgendwie Unsichtbar. Und jetzt können wir mit allerhand lustigen Instrumenten versuchen, diese unsichtbare Masse zu detektieren. Das hat aber nie geklappt, egal was für ein Instrument wir benutzen, niemand hat einen Plan was da sein soll. Die ad-hoc-hypothese der dunklen Materie wäre also nun längst widerlegt. Aber weil sich niemand getraut eine neue Theorie zur Galaxienrotation zu schreiben, steckt die Astrophysik immer noch in der Ad-Hoc-Theorie mit der unsichtbaren Materie fest. Und auf jede Falsifikation wird lediglich mit der spekulativen Erfindung von neuen potentiell nicht detektierbaren Elementarteilchen reagiert. Die „Dunkle-Materie-Hypothese“ „immunisiert“ sich gegen Falsifikation. Zu diesem Zeitpunkt ist die dunkle Materie-Theorie also nicht mehr falsifizierbar, und damit nicht mehr wissenschaftlich.

Ähnliches geschieht auch, wenn Kommunisten zum drölfzigsten male die Hölle auf Erden anstelle des Utopias schaffen. „Es liegt nicht daran dass Kommunismus eine Scheißtheorie ist, sondern, sie haben nur das Experiment irgendwie falsch durchgeführt“ – Das ist Immunisierung und Kommunisten sind also unwissenschaftliche Schwachköpfe.

Um auf den Alium-Echsenkram zurückzukommen: Ich kann spontan mehrere Modelle anbieten, die deine Beobachtungen erklären, und Falsifikationsmöglichkeiten anbieten. Das heisst, ich widerspreche deinen Beobachtungen überhaupt nicht. Deine Beobachtung von „Rede über Echsen“ – „Werde frustriert“ – „Alles ist scheisse, Dinge zerbrechen, kinder lächeln dich nicht mehr an“ – bestreite ich überhaupt nicht. Aber ich sage: Das beweist eben auch gar nichts, weil du die Hypothese nicht zu falsifizieren versuchtest.

Zum Beispiel wäre meine erste Hypothese etwa so: „Argumentieren mit Idioten auf dem Zwischennetz ist enorm frustrierend. Tut man das zu lange verschlechtert sich die Laune. Hat man verschlechterte Laune, fallen einem zufällige negative Ereignisse stärker auf“

Ich würde jetzt einmal sagen, dass du dieser Aussage nicht per se widersprechen würdest. Nennen wir das die psychologische-Effekte-Hypothese über das argumentieren auf dem Zwischennetz. Da ist nichts falsch daran, oder? Aber diese Aussage würde dann bereits vollständig die von dir gemachte Beobachtung erklären. Der einzige Unterschied wäre dann in der Quantifikation zwischen dem wahrgenommenen Unglück das nach dem reden über Echsentheorie stattfindet, und dem wahrgenommenen Unglück das nach dem Reden über ein vergleichbares, aber komplett anderes Thema stattfindet. Und so ein subjektiv wahrgenommenes Unglück lässt sich nunmal nicht gut quantifizieren. Da hat man enorme Messfehler. Ausser du würdest dich bei der Messung von „Unglück“ mit einem Zufallszahlengenerator zufrieden geben, der 1 million mal würfelt und dir dann ausspuckt, dass du statistisch signifikant häufiger als erwartet doppel-6en statt doppel-1en hattest, oder was immer man dann als „Glücksfall“ bzw „Unglücksfall“ bezeichnen würde.

Das bedeutet, um den Echsenkram zu „beweisen“ (den Falschbeweis aufrichtig zu versuchen, um dann fehlzuschlagen) musst du ein anderes Experiment vorschlagen. Denn dein vorgeschlagenes Experiment ist nicht in der Lage, die die Echsenhypothese von meiner Psycho-Effekt-Hypothese zu unterscheiden.

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Über politbueroblog

Politik, IT, Kommunikation und Fitness sind meine Themen - und darum geht es auch in meinen Blogs: Software und Hardwaresysteme, Informatik, WIrtschaftsinformatik, die Übetragung von Daten und Informationen sowie auf der anderen Seite um Dauerbrenner und tagespolitische Ereignisse aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, nicht zu vergessen Kraftsport, Fitness Training, und Wellness.
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